Grundzüge der Peerberatung

Intersexuelle Menschen e.V.

Stand August 2016

Für wen ist die Peerberatung gedacht:

Eltern mit intersexuellem Kind

Wird ein intersexuelles Kind geboren, ist dies eine besondere Herausforderung für die Eltern, die Hebamme, den medizinischen Betrieb inkl. der Medizinner_innen der verschiedenen Fachrichtungen. Eltern sind sich i. d. R. der Tatsache nicht bewusst, dass beratendes medizinisches Personal oftmals eine ideologische, kulturelle, persönliche Haltung in die Beratung und Behandlung einfließen lassen, die oftmals dichotom / heterosexuell Orientiert ist und Lösung parat zu haben scheint, die nur eine Perspektive aufzeigen. Diese  „einfache Lösung“ wird oftmals kommentarlos übernommen, weil hier nicht auf Ausgenhöhe beraten wird. Eltern haben nicht den gleichen Wissenstand, sie befinden sich u.U. in einer emotionalen Krise, die zudem häufig mit Scham, Schuldgefühlen und Ängsten behaftet ist.

Die Folgen dieser Entscheidungen  werden oftmals nicht vor dem ersten Eingriff thematisiert. Einwilligungen werden erteilt, die Folgen für das Kindeswohl, die Gesundheit an Körper und Geist des Kindes, aber auch an der Eltern-Kind- Beziehung , rechtliche Perspektiven, die Auswirkungen für den späteren Heranwachsenden und Erwachsenen mit seiner geschlechtlichen Identität werden nicht thematisiert. Es stellen sich aus der Sicht der Interessenvertretungen intersexueller Menschen vielfältige Fragen:

Wie wird hier mit dem Selbstbestimmungsrecht, dem Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit umgegangen?

Worüber muss informiert werden vor einem möglichen Eingriff.

Was erfordert eine freie informierte Einwilligung.

Der Deutsche Ethikrat hat eine Beteiligung der Selbsthilfen und der Interessenvertreter intersexueller Menschen ausdrücklich gefordert.

Intersexuelle Heranwachsende und Erwachsene

Für viele Heranwachsende und erwachsene intersexuelle Menschen ist es eine Schocksituation, wenn sie sich ihres „ SO-SEINS“ bewusst werden. Sie erleben häufig einen unüberwindbaren zu scheinenden Schmerz, wenn Sie erfahren, dass in die Geschlechtlichkeit eingegriffen wurde. Oftmals erhalten sie in solchen Situationen Besänftigendes und Entschuldigendes präsentiert, Anschlussbehandlungen angeboten, die sich weiterhin an früheren Massnahmen orientiert, nicht aber an den Bedürfnissen.

Wie soll so eine bestmögliche Entscheidung und eine freie informierte Einwilligung herbei geführt werden, wenn die einwilligenden intersexuellen Menschen nicht über biologische, medizinische, rechtliche, internormative Sichtweisen informiert sind?!

Menschenrechte zu erlangen, die Abwehr von Diskriminierung und die Befähigung sich auf Augenhöhe beraten zu lassen, Stolz für das eigene Sein zu entwickeln, Zugang zu anderen intersexuellen Menschen zu finden, sind Ziele die erreichbar sind. Die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft ist ein Recht, das nur durch eigenes Empowerment erreicht werden kann.

 

  1. Peerberatung als weiteren Baustein im Gesundheitssystem
    Peerberatung als fester Bestandteil eines Beratungs- und Behandlungskonzeptes ist eine Patientenbeteiligung, die nachhaltigere Ergebnisse hervor bringt als alle bisherigen Konzepte. Seit 2004 ist ein interdisziplinärer Behandlungsansatz mit der Chicago-Konsensus-Konferenz beschlossen. Die mag zu einem Wandel geführt haben. Weitere Schritte zu einer Patientenbeteiligung sind notwendig. Als Interessenvertretungsorganisation und erfahrene Selbsthilfevertretung geht der Verein Intersexuelle Menschen e.V. einen neuen Weg mit dem Angebot der PEERBERATUNG. Der Schlüssel zu besserer Beratung liegt in den Erfahrungen der intersexuellen Menschen aus den Selbsthilfegruppen. Für die Ausbildung von Peerberatern und der Spezialisten der verschiedenen Fachrichtungen wie für das Empowerzentrum ist eine transdisziplinäre Haltung notwendig, da ein gleichberechtigtes Miteinander sonst nicht möglich wird. Die ist jedoch eines der Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung. Peerberater_innen sind in der Regel keine Mediziner_innen oder Therapeut_innen. Das Peerberatungsangebot ist ein zusätzliches Angebot im Paket der Beratung und Betreuung . Medizinische Aufklärung sowie Behandlungsempfehlungen sind weiterhin die Aufgabe und Pflichten der behandelnden Ärzt_innen. Ihnen obliegt die Pflicht auch weiterhin für eine umfassende Aufklärung über Diagnose, Evidenz der Kenntnisse und der Folgen möglicher Behandlungen( dies schließt auch die Nichtbehandlung mit ein) sowie der Alternativen sachgerecht, wissenschaftlich korrekt und umfassend zu beraten und aufzuklären und dies auch zu dokumentieren. Die Aufklärung und Haftung wird nicht durch Gespräche in der Peerberatung verlagert bzw. aufgefangen.

  2. Aufgaben der Peerberatung:
    zuhören-verstehen-entlasten-vernetzen-befähigen-ermutigen
    Peerberater_innen in ihrer Eigenschaft als Elternteil intersexuell geborener Menschen oder als intersexuelle Menschen können durch eigene Erfahrungen die Bedeutung von Behandlungsempfehlungen auf das tägliche Leben aus eigenem Erleben nachempfinden und Wege für Bewältigungsstrategien aufzeigen. Peerberater_in und Ratsuchene haben gleiche oder ähnliche Erfahrungen gemacht. Es findet ein Gespräch auf Augenhöhe statt. Jede Peerberatung ist ergebnisoffen zu erfolgen. Die Ratsuchenden werden durch einen Wissenstransfer entlastet, ermutigt und gestärkt. Im Hinblick auf mögliche nachfolgende medizinische Gespräche werden die Ratsuchenden befähigt. Mit dem Wissen um mögliche Beratungsangebote und der Vernetzung mit einer Selbsthilfe werden unschätzbare Entlastungseffekte für den mediizinischen Betrieb und das Gesundheitssystem erzielt.
    Die Beratung von Menschen, die mit der Diagnose Intersexualität konfrontiert werden, bedeutet für die Begleiter eine besondere Herausforderung, da viele Aspekte des täglichen Lebens betroffen werden:
    Den Anfang macht meist die Medizin, die alles „aufdeckt“. Sie ermittelt die Befunde, erstellt die Diagnose als Schlussfolgerung und gibt die ersten Richtungen vor. Mit der Veränderung des Personenstandsgesetzes (PSTG) ist die Existenz intersexueller Menschen anerkannt. Das Umfeld ist zu gestalten. Was sage ich der Familie, den Nachbarn, den Erzieher_innen in den Kitas, was den Lehrer_innen in der Schule? Wie gehe ich mit dem med. Personal um?
    Eine Reihe von Klippen in der Beratung sind für die Peerberater_innen zu meistern:
    Einstellung der Eltern oder Betroffenen auf Körper, Normen, Geschlecht?
    Welche eigenen Erfahrungen haben sie im Leben gemacht?
    Aus welchen Glaubens- bzw. Kulturkreis kommen die zu beratenden Menschen und welcher Einstellung zum „Anderssein“ folgen sie?
    Können sich die Beteiligten vorstellen, sich nach außen komplett zu öffnen und jeden über Intersexualität zu informieren oder würden sie lieber nur im engsten Kreis über die Thematik sprechen?

  3. Wichtige Aspekte für die Peerberatung aus der Sicht von Eltern:
    Beratungsaspekte: aktives Zuhören, Gesprächsführung, parteiliche versus unparteiliche Information.
    Selbsterfahrung: Verständnis eigener Stärken und Schwächen, biographische Arbeit, eigene Grenzen kennen…
    Medizinisches Verständnis der eigenen Diagnose/der Diagnose des eigenen Kindes und ähnlicher Fälle, für die man als „Peer“ gelten kann, Möglichkeiten und Grenzen des medizinischen Systems.
    Alltagsperspektiven (Was kommt da auf mich zu? Wie machen andere das?), Menschenrechte/Ethik, Wahrnehmung, Geschlecht, Gender, Identität, sexuelle Identität, Normativiät, Depression, Trauma, Trauer, Stigma, Suizid.
    Ein großes Anliegen besteht in der Aufklärung zu medizinischen Eingriffen:
    Operationen, Vorteile, Nachteile / Risiken einer Normierung
    für das Kind
    für die Eltern / Sorgeberechtigten

    Vorteile / Nachteile / Risiken des offensichtlichen „Anderssein“
    für das Kind?
    für die Eltern / Sorgeberechtigten
    für die gesellschaftliche Akzeptanz
    Welche Erwartungen bestehen durch/an die Normierung eines Genitales
    Wer möchte die OP?
    Für wen ist sie wirklich wichtig? Kind oder Eltern?
    Selbstreflexion zur Überprüfung der eigenen Einstellung in Bezug auf die Diagnose Intersexualität…

  4. Wer berät wen?
    Grundsatz: Gleiche beraten Gleiche.
    Hilfesuchende Eltern/teile intersexueller Kinder werden immer in einer Tandemberatung beraten. Tandemberatung bedeutet: Ein Elternberater und ein intersexueller Peerberater beraten Eltern. Diese Beratungsgespräche können gemeinsam oder zeitlich versetzt erfolgen. Zeitlich sollten die Beratungen max. 1 Tag auseinander liegen. Auch intersexuellen Menschen ab 16 Jahren soll diese Möglichkeit der Tandemberatung angeboten werden. Die Beratenden haben vor Aufnahme in die Peerberatungsteams an den zentralen Qualifikationswochenenden und an den Nachschulungen teil zu nehmen.

  5. Wie erreicht das Angebot die Eltern und die Intersexuellen Menschen?
    Informationen werden über folgende Wege veröffentlicht: In den Kliniken, über Internetseiten des Vereins und der Selbsthilfen, Faltblätter in den Beratungsstellen der Kliniken, bei Fachärzten, den Hebammen und den Lebensberatungsstellen
    Beratungsstellen des Landes und der Gesundheitsämter, Krankenkassen

  6. Wie gelangen die Ratsuchenden an die Adressenliste der Peerberater?
    Zentral werden die Adressen in der Geschäftsstelle des Vereins Intersexuelle Menschen e.V. verwaltet. Die Peerberater in Niedersachsen können über die Beratungsstelle Intersexualität Niedersachen im Gesundheitsamt Emden abgefordert werden.

  7. Kosten
    Die Beratung der Eltern wie der intersexuellen Menschen ist für die Ratsuchenden kostenlos. Der Verein Intersexuelle Menschen e.V. wird die Kosten durch beantragte Landesmittel, Zuschüsse der Krankenkassen und anderer Stiftungen und Spenden organisieren. Die Abrechnung erfolgt über die Bundesgeschäftsstelle.

  8. Wo soll beraten werden:
    Die Frage des Beratungsortes ist zwischen den Ratsuchenden und den Beraterinnen auszuhandeln. Generell ist die aufsuchende Beratung einmalig möglich.

  9. Unabhängige Peerberater_innen
    Peerberater_innen sind unabhängig und verpflichten sich, keine Dienstverträge mit Mediziner_innen und Kliniken zu schließen, die mit der Behandlung oder Beratung intersexuellen Menschen befasst sind. Kooperationen sind allerdings mit dem Verein möglich.

  10. Evaluation
    Die Peerberatung, wie diePeerberatungsqualifikation, unterliegt der ständigen Überprüfung und Weiterentwicklung. Entsprechende Dokumentationen werden im Verein erstellt, notwendige Änderungen eingearbeitet.

  11. Kooperationspartner
    Die Peerberatungsausbildung erfolgt über den Verein Intersexuelle Menschen e.V. mit verschiedenen Kooperationspartnern. Experten aus unterschiedlichen Fachbereichen unterstützen die fachliche Ausbildung.

  12. Weitergehende Qualifikationsmaßnahmen
    (wie moderierte Praxismodule u.Ä. für einzelne Partner_innen, Zentren , andere Beratungsanbieter, Fachpraxen u.s.w.) sind u.U. erwünscht. Diese Maßnahmen sind vom jeweiligen Beratungsanbieter zu finanzieren und mit dem Verein separat schriftlich aus zu handeln.

  13. Anfragen und Vermittlungen
    erfolgen ausschließlich über die zentrale Emailadresse: peerberatung@im-ev.de
  14. Informationsmaterial
    gibt es in der Bundesgeschäftsstelle zu erreichen unter: vorstand@im-ev.de